Kraichgaulandschaft bei Sulzfeld, mit der Ravensburg von Süden aus gesehen (Foto: Thomas Rebel, Bretten).

Der Kraichgau – eine faszinierende Landschaft mit vielen Facetten

... Denn es ist ja durch einzigartige Güte Gottes im ganzen Kraichgau die Qualität des Bodens so groß, daß er fast überall in höchstem Reichtum und Fülle Wein, Einkorn, Dinkel und andere Früchte und vielerorts Safran und Mandeln hervorbringt...
David Chytraeus (1530 – 1600) in seiner Rede über den Kraichgau, gedruckt 1561 in Wittenberg

Die von David Chytraeus, aufgewachsen in Menzingen wo sein Vater evangelischer Dorfpfarrer war, in seiner berühmten Rede über den Kraichgau gerühmte Fruchtbarkeit des Kraichgaus ist wohl der größte Schatz den diese liebliche Landschaft in ihrem Schoß hält. Ein Schatz, der schon seit Urzeiten die Menschen anzog und zum Bleiben einlud, der aber auch Krieg, Brandschatzung und Leid über die Bewohner brachte.
Das Kraichgau liegt zwischen Odenwald und Schwarzwald, zwischen Neckar und Rhein. Seinen Namen verdankt es dem Kraichbach. Wobei Chytraeus den Ursprung des Namens auf die Graier, ehemalige griechischstämmige römische Soldaten aus dem Militärlager Speyer zurückführt. Die Hügel im Westen steigen bis auf 100 m über den Rheingraben auf und sind im Durchschnitt 200 bis 300 m hoch. Im Osten ziehen die Täler von Neckar und Enz eine natürliche Grenzlinie. Der Norden wird von den Erhebungen des kleinen Odenwaldes begrenzt, während sich im Süden die Ausläufer des Nordschwarzwaldes auftürmen.
Der Blick über die zahllosen Hügel erinnert an die Wogen eines erstarten Meeres. Wenn auch dieser Vergleich etwas gewagt scheint, enthält er doch eine direkte Beziehung zum „Land der tausend Hügel“, wie das Kraichgau auch gelegentlich genannt wird. Tatsächlich sind die Gesteine des Untergrundes, nämlich Muschelkalk und Keuper, aus den Ablagerungen des Urmittelmeeres entstanden. Doch treten sie nicht zu häufig in den Vordergrund. Wie eine darübergeworfene Decke liegt eine Schicht aus Löß über der Landschaft, die oft viele Meter dick ist und die flachen Kuppen verhüllt. Die feinen sandigen und tonigen Bestandteile des Löß wurden nach der letzten Eiszeit durch heftige Winde aus dem Rheingraben hierher getragen. Er dichtet den wasserdurchlässigen Muschelkalk ab und bildet eine gute Grundlage für beste Ackerböden. Seit altersher benutzte Wege haben sich an den Hängen oft tief in den Löß eingeschnitten und es entstanden Hohlwege, die zu den Besonderheiten dieser Landschaft zählen. Als höchste Erhebung überragt der Steinsberg (333 m) bei Sinsheim, im Mittelalter auch der „Compaß uff dem Craichgau“ genannt, über die anderen Hügel hinaus. Seine Höhe verdankt er vulkanischem Ursprung und ist somit eine Besonderheit. Tiefster Teil der Kraichgaumulde ist die Langenbrücker Senke, ein geologischer Einbruch aus der Tertiärzeit, der sich nördlich von Bruchsal zwischen Ubstadt und Malsch ostwärts bis gegen Östringen erstreckt. Hier steht noch Juragestein an. Ein besonders günstiges Klima, das sich im Jahresmittel nur unwesentlich von dem der Rheinebene unterscheidet und die außerordentliche Fruchtbarkeit des Bodens haben seit altersher eine große Anziehungskraft auf Menschen ausgeübt. Archäologische Funde aus allen Epochen der Siedlungsgeschichte, beweisen die kontinuierliche Besiedlung. Die Funde auf dem Michaelsberg bei Untergrombach aus der jüngeren Steinzeit haben gar namensgebende Bedeutung für die Wissenschaft.
Die Kraichgaulandschaft, gelegen zwischen den unwegsamen Bergen des Schwarzwaldes und des Odenwaldes war seit Urzeiten auch Durchzugsgebiet für wandernde Stämme, Kaufleute und Kriegsheere. Ein Netz von Wegen, meist entlang der flachen Bachläufe angelegt, erschließt das Hügelland und ermöglichte so den bequemsten Weg vom Rhein an den Neckar und weiter zur Donau. So war es nur natürlich, dass bedeutende Fernstraßen und Handelswege durch den Kraichau führten.
Nach ihrem Sieg über die Alamanen im Jahre 496 bei Zülpich besiedelten die Franken auch das Kraichgau. Kriege und Besetzung führten zum Zuzug von Menschen aus vieler Herren Länder und führten so zu einem bunten weltoffenen Völkergemisch. Insbesondere nach dem Dreißigjährigen Krieg fanden im entvölkerten Land viele Menschen aus der Schweiz eine neue Heimat. Vor dreihundert Jahren liesen sich dann Religionsflüchtlinge, Waldenser aus dem Piemont und Hugenotten aus Frankreich, im südwestlichen Teil des Landes hier nieder.
Der Kraichgau war geradezu ein Adelsland, ein Land der Ritter und Bauern. Doch schon früh waren auch Kirchen und Klöster zur Stelle, um sich ihren Anteil zu sichern. Dem ständigen Konkurrenzkampf der zahlreichen weltlichen und kirchlichen Herrschaften ist es zuzuschreiben, dass viele Dörfer mit Markt- und Stadtrechten ausgestattet und befestigt wurden. Städte im eigentlichen Sinn entstanden schwerpunktmäßig am Rande, wenn man von Bretten, Eppingen und Sinsheim absieht, die ihre Entwicklung nicht zuletzt der verkehrsgünstigen Lage verdanken.
In den letzten hundert Jahren haben sich in diesem Bauernland tiefgreifende Veränderungen vollzogen. Die fortdauernde Teilung des Besitzes führte zu einem noch in vielen Teilen der Landschaft nett anzuschauenden Flickenteppich in der Flur und zu immer kleineren Parzellen, die die ländliche Bevölkerung kaum noch ernähren konnte. Die Bauern verarmten und viele zogen weg in die Zentren am Rande oder suchten im Amerika ihr Glück. Erst mit der Erschließung durch die Kraichgaubahn und dem Ausbau der Verkehrswege in 70iger Jahren des 19-Jahrhunderts entwickeln sich zögernd die ersten Industriebetriebe. Doch war es noch ein weiter Weg, bis sich der Wirtschaftsaufschwung, den die Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg auch auf die Menschen im Kraichgau auswirkte. Heute sind dort viele gut strukturierte mittelständische Unternehmen zu finden, die mit ihren Erzeugnissen auch im internationalen Wettbewerb bestehen. Neue schnelle Verkehrsanbindungen ermöglichen vielen Menschen die Arbeit in den umliegenden Industriezentren, ohne ihre angestammte Heimat verlassen zu müssen.
Das Kraichgau durchläuft auch heute wieder einen Wandel. Im alten Bauernland besinnt man sich zusehends auf seine Stärken, seine intakte und trotz dichter Besiedelung noch an vielen Stellen unberührte Natur, seine schmucken Dörfer und Städte, die sich immer schöner herausputzen um Einheimischen wie Fremden etwas zu bieten. Fremdenverkehr heißt heute das Zauberwort, mit dem man eine neue Seite der Geschichte des Kraichgaus schreibt.
Gerhard Obhof


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„Kleine Geschichte des Kraichgaus“
von Thomas Adam
272 Seiten    
70 Farbabbildungen    
Glossar, Lesetipps, Orts- und Personenregister
12,5 x 19 cm, gebunden
19,90 Euro  
G. Braun Buchverlag